Abgeschoben

So eine Geschichte passiert ähnlich jeden Tag woanders. 
Meine Internetfreundin Birgit hat sie geschrieben.

Das Copyright liegt bei Birgit.

 

Die alte Frau sitzt am Fenster und schaut nach draußen. Die Hände liegen gefaltet in ihrem Schoß, als wenn sie ein stummes Gebet spricht. Ab und zu zucken sie zusammen. Vielleicht liegt es an den schweren Erinnerungen die sie bewegen. Die Abendsonne die durch das Fenster hereinbricht taucht sie in ein goldenes Licht und lässt ihre schneeweißen Haare strahlen. Sie muss eine sehr schöne Frau gewesen sein und auch jetzt im Alter sieht man noch die feinen Gesichtszüge. Ihr Blick verliert sich. Sie hat viel Zeit zum Denken und ihre Gedanken gehen zurück in die Vergangenheit. Ganz weit zurück.
Sie sieht sich wieder als junges Mädchen. Ein Lächeln umspielt ihren Mund und lässt sie für einen Augenblick wieder richtig jung aussehen. Sie sieht ihre Mutter wieder in der Küche am Herd stehen und sie selbst macht ihre Hausaufgaben am Küchentisch. Dann kommt ihr Vater von der Arbeit und streicht ihr über die Haare. Ja es war ein liebevolles Elternhaus.
Und dann hatte sie ihren Schulabschluss gemacht und eine Lehre als Schneiderin begonnen. Nach der Lehre durfte sie bleiben denn der Lehrmeister war zufrieden mit ihr. Sie hatte Glück gehabt. Viele saßen auf der Strasse und hatten nicht das Nötigste, denn es war Krieg. Der 2. Weltkrieg.
Dann wurden die Gesichtszüge der alten Frau ganz weich und gleichzeitig war ein schmerzhafter Ausdruck in ihren Augen zu sehen.
Eine Amsel sang vor dem Fenster ihr Abendlied. Genau wie damals dachte sie, als ich ihn kennen lernte. Ihre große Liebe. Ein wunderbarer Mensch. Warmherzig, gebildet und sehr liebevoll. Sie liebten sich sehr und so heirateten sie. Kurz darauf war sie schwanger geworden und eigentlich hätte jetzt alles wunderschön sein können. Doch es war Krieg und der fragte nicht nach Liebe. Ihr Mann wurde eingezogen. Ja es war eine schlimme Zeit dachte sie.
Sie holte tief Luft als wenn es sie befreien könnte. Jeden Tag wartete sie auf Briefe und Lebenszeichen. Von ihm. Wie Hunderte andere Frauen auch. Die alte Frau zuckte zusammen. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen und in ihren Augen standen Tränen. Sie dachte an den Tag, als die langersehnte Post endlich kam. Sie hatte den Brief geöffnet und war dann zusammengebrochen. Ihr Mann war an der Front gefallen und sie war hochschwanger gewesen. Der einzige Trost der ihr geblieben war, war das Kind. Ihre ganze Kraft und Liebe steckte sie in dieses Erbe.
Es wurde ein Junge und er glich seinem Vater aufs Haar. Auch die gleichen Charaktereigenschaften hatte der Junge geerbt. Sie hatte sich nie wieder gebunden und war nur für ihren Sohn da. Sie nahm jede Arbeit an und nähte auch nebenbei noch bis spät in die Nacht. Als das nicht reichte nahm sie auch noch Privatkundschaft an. Dem Jungen sollte es an nichts fehlen. Die Augen der alten Frau fingen an zu leuchten als sie an ihn dachte. Ja, er hatte alles geschafft. Alle Schulabschlüsse und dann hatte er seinen Doktor gemacht. Ja er war ein guter Junge. Als er mit allem fertig war und eine eigene Praxis besaß hatte er sich ein Haus gekauft. Sie schaute aus dem Fenster. Die Amsel hatte aufgehört zu singen und so langsam kehrte sie aus der Erinnerung wieder zurück. Ja er hatte es sich verdient. Einen tollen Beruf, ein schönes Haus mit reichlich Platz und einem großen Garten. Die Frau strich sich mit der Hand über die Stirn. Aber warum. . . ?

Sie schüttelte ihren Kopf. Es fiel ihr einfach nicht ein. Warum hatte ihr Sohn sie heute morgen in dieses fremde Haus gebracht wo nur alte Leute waren? Und wer war die junge Frau die sie jetzt auf ihr Zimmer bringen wollte?

Sie verstand es nicht . . .

©biwu