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Die alte Frau sitzt am
Fenster und schaut nach draußen. Die Hände liegen gefaltet in ihrem Schoß,
als wenn sie ein stummes Gebet spricht. Ab und zu zucken sie zusammen.
Vielleicht liegt es an den schweren Erinnerungen die sie bewegen. Die
Abendsonne die durch das Fenster hereinbricht taucht sie in ein goldenes
Licht und lässt ihre schneeweißen Haare strahlen. Sie muss eine sehr schöne
Frau gewesen sein und auch jetzt im Alter sieht man noch die feinen
Gesichtszüge. Ihr Blick verliert sich. Sie hat viel Zeit zum Denken und
ihre Gedanken gehen zurück in die Vergangenheit. Ganz weit zurück.
Sie sieht sich wieder als junges Mädchen. Ein Lächeln umspielt ihren
Mund und lässt sie für einen Augenblick wieder richtig jung aussehen.
Sie sieht ihre Mutter wieder in der Küche am Herd stehen und sie selbst
macht ihre Hausaufgaben am Küchentisch. Dann kommt ihr Vater von der
Arbeit und streicht ihr über die Haare. Ja es war ein liebevolles
Elternhaus.
Und dann hatte sie ihren Schulabschluss gemacht und eine Lehre als
Schneiderin begonnen. Nach der Lehre durfte sie bleiben denn der
Lehrmeister war zufrieden mit ihr. Sie hatte Glück gehabt. Viele saßen
auf der Strasse und hatten nicht das Nötigste, denn es war Krieg. Der 2.
Weltkrieg.
Dann wurden die Gesichtszüge der alten Frau ganz weich und gleichzeitig
war ein schmerzhafter Ausdruck in ihren Augen zu sehen.
Eine Amsel sang vor dem Fenster ihr Abendlied. Genau wie damals dachte
sie, als ich ihn kennen lernte. Ihre große Liebe. Ein wunderbarer Mensch.
Warmherzig, gebildet und sehr liebevoll. Sie liebten sich sehr und so
heirateten sie. Kurz darauf war sie schwanger geworden und eigentlich hätte
jetzt alles wunderschön sein können. Doch es war Krieg und der fragte
nicht nach Liebe. Ihr Mann wurde eingezogen. Ja es war eine schlimme Zeit
dachte sie.
Sie holte tief Luft als wenn es sie befreien könnte. Jeden Tag wartete
sie auf Briefe und Lebenszeichen. Von ihm. Wie Hunderte andere Frauen
auch. Die alte Frau zuckte zusammen. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen
und in ihren Augen standen Tränen. Sie dachte an den Tag, als die
langersehnte Post endlich kam. Sie hatte den Brief geöffnet und war dann
zusammengebrochen. Ihr Mann war an der Front gefallen und sie war
hochschwanger gewesen. Der einzige Trost der ihr geblieben war, war das
Kind. Ihre ganze Kraft und Liebe steckte sie in dieses Erbe.
Es wurde ein Junge und er glich seinem Vater aufs Haar. Auch die gleichen
Charaktereigenschaften hatte der Junge geerbt. Sie hatte sich nie wieder
gebunden und war nur für ihren Sohn da. Sie nahm jede Arbeit an und nähte
auch nebenbei noch bis spät in die Nacht. Als das nicht reichte nahm sie
auch noch Privatkundschaft an. Dem Jungen sollte es an nichts fehlen. Die
Augen der alten Frau fingen an zu leuchten als sie an ihn dachte. Ja, er
hatte alles geschafft. Alle Schulabschlüsse und dann hatte er seinen
Doktor gemacht. Ja er war ein guter Junge. Als er mit allem fertig war und
eine eigene Praxis besaß hatte er sich ein Haus gekauft. Sie schaute aus
dem Fenster. Die Amsel hatte aufgehört zu singen und so langsam kehrte
sie aus der Erinnerung wieder zurück. Ja er hatte es sich verdient. Einen
tollen Beruf, ein schönes Haus mit reichlich Platz und einem großen
Garten. Die Frau strich sich mit der Hand über die Stirn. Aber warum. . .
?
Sie schüttelte ihren
Kopf. Es fiel ihr einfach nicht ein. Warum hatte ihr Sohn sie heute morgen
in dieses fremde Haus gebracht wo nur alte Leute waren? Und wer war die
junge Frau die sie jetzt auf ihr Zimmer bringen wollte?
Sie verstand es nicht . . .
©biwu
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