|
Es brennt |
||
|
Kindheitserinnerung / 1952 von Ursula Lattner |
||
|
Ich muss so etwa fünf
Jahre alt gewesen sein, da passierte etwas
Furchtbares. Es war ein Eckhaus. Sehr schön anzusehen mit viel Stuck und vom Krieg unversehrt so wie die meisten Häuser in dieser Gegend. Es gehörten drei Aufgänge zum Haus Berliner Strasse Nr.8. Wir wohnten unterm Dach. Die ganze Etage war mal vor dem Krieg ein Hotel gewesen. Auch heute noch standen über jeder Zimmertür die Nummern. Kam man in die dritte Etage, befand sich außerhalb der Wohnung ein so genanntes Etagenbad. Darin standen eine Badewanne, eine Toilette und eine mit der Hand zu betätigende Wäschemangel. Warmes Wasser gab es nicht. Von hier aus musste meine Mutti einen Eimer Wasser jeden Tag über einen 15 Meter langen Flur in unsere Küche schleppen. Denn die war auch mal
ein Hotelzimmer gewesen und hatte keinen Wasseranschluss. Links von
diesem "Badezimmer" führte eine schmale Treppe zu den Böden
der drei Hausaufgänge. Wir bewohnten die letzten beiden Zimmer auf dem Flur. Am Ende des Ganges befand sich eine schwere eiserne Brandschutztür aus den Zeiten des Krieges. Öffnete man sie, so stand man auf dem Boden unter der Kuppel des Daches. Darunter lag ein Kino. Ein ziemlich bekanntes sogar. Der Primus Palast. Hier
begann die Schauspieler- Karriere des berühmten Gustav Gründgens. Es geschah in einer
Nacht in der unsere Mitbewohner nicht zu Hause waren. Sie hatte
irgendwelche Verwandten besucht und waren über Nacht dort geblieben. Ich schlief im Kinderbettchen vor den Ehebetten meiner Eltern. Meine Mutter weckte meinen Vater und mich. Die Eltern zogen sich schnell an und mein Vater bekam für mich Kleidungsstücke in die Hand gedrückt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass er mir das Leibchen in aller Hektik verkehrt herum anzog. So saß ich da - inzwischen ganz aufgeregt auf dem Küchenstuhl. Ich hatte aber wohl keine große Angst, denn meine Eltern waren ja bei mir. Mittlerweile drang der
Qualm auch durch unsere Zimmerfenster. Man hatte damals ja kaum
Doppelfenster. Alles war ganz einfach gewesen. In Morgenmänteln und Schlafanzügen. Mehrere Löschzüge der
amerikanischen Feuerwehr von der nahe liegenden Kaserne der Alliierten
standen auf der Straße und die Feuerwehrleute rannten nach hinten auf
den Hof zu. Erst als meine Eltern wie verrückt aus dem Fenster schrien,
fiel es auf dass wir gar nicht unten in der Menge standen. Man hatte an
uns einfach nicht gedacht. Ein paar Tage später klopfte es an unserer Tür. Meine Mutter machte auf und da stand der schwarze Feuerwehrmann vor mir, der mir und meinen Eltern das Leben gerettet hatte. In der Hand hielt er ein knallrotes Bilderbuch mit der Aufschrift: THE LITTLE FIRE ENGINE. Ich habe dieses
Bilderbuch mit wenigem Text über alles geliebt.
|
||
|
© Ursula Lattner |
||